Flicken

Flicken

Oh doch. Ja, ich kann mir eine neue Jeans leisten. Ja, ich habe das Geld dazu und ja, und auch der Laden, in dem ich mir eine neue kaufen kann, ist nur ein paar Kilometer entfernt.

Und doch sitze ich hier, während draußen das Wasser aus den Wolken fällt, stahlgrau der Himmel, eine kleine Schreibtischlampe spendet mir vormittags Licht beim Flicken.

Ein Riss an der Oberschenkelinnenseite, auch der Stoff rings um den Riss dünn, abgewetzt vom Strampeln auf dem Fahrrad, Sattelabrieb. Der Zahn der jahrelangen Benutzung nagt also auch an diesem so stabilen Stoff. Zumindest an den besonders belasteten Stellen.

Wegwerfen. Weg damit. Neue gibt es zu Hunderten in eng und weit und neu mit Loch und auf alle merkwürdigen Weisen vorbehandelt. Weg mit dem alten Zeug. Kauf Dir ne Neue und gut ist.

Könnte ich machen. Kommt auch gelegentlich vor. Dann, wenn mich der Rappel des „auch mal was Neues haben Wollens“ packt. Kaufen stillt schnell den Hunger des Neuen. Aber macht es auch die Seele satt?

Wie gut, dass ich von einer ganz alten Jeans alle noch brauchbaren Teile aufgehoben habe. Minimalismus ist eben nicht immer nur gut. Ich schneide mir zwei handtellergroße Rechtecke aus einem Bein. Ein noch schöner dunkelblauer Stoff. Weich vom vielen Tragen, voller Erlebnisse und Erinnerungen.

Mein Nadelmäppchen, das mir eine Freundin in liebevoller Arbeit gefilzt und bestickt hat, hält schlanke und dickere Nähnadeln parat. Auf dem nächsten Filzblatt stecken viele Stecknadeln mit bunten Köpfen, bereit zu jedem Schabernack, fröhlich rufend: Ich mach mit!

In der Holzkommode, die mein Mann mir vor langer Zeit geschreinert hat, und die im Lauf der Jahrzehnte warm und goldbraun geworden ist, lagern viele Schätze zum Handarbeiten, auch Nähgarnrollen in steingrau, narzissengelb, ziegelrot, heuschreckengrün, eisweiß – und indigoblau.

Und nun nähe ich den Flicken auf den abgewetzten Stoff. Ein Stich nach dem anderen. Eng an eng. Tropfen hämmern schneller gegen das Glas als der Sekundenzeiger tickt. Meine Hände arbeiten ohne Zeit. Ein Stich nach dem anderen. Der weiche Stoff. Die beiden Indigofarbtöne. Die primelbunten Stecknadeln, die nach und nach ihre Aufgabe erfüllen.

Stich für Stich. Wer wohl meine Jeans genäht hat? Dunkelhaarige Frauen, gekleidet in leuchtendem Pink und Rot, eng an eng, der Lohn reicht wohl für eine kleine Portion Reis für die Familie. Was sie wohl über uns denkt? Ob sie weiß, wie wir mit ihrer Lebenszeit meist umgehen? Wegwerfen. Die Jeans ist ja nichts wert.

Stich - Stich – Stich - Stich. Wo wohl die Baumwolle für meine Jeans gewachsen ist? Baumwolle, soweit das Auge reicht. Kein Vogel, kein Schmetterling, keine anderen Pflanzen. Boden und Baumwolle. Auch vor der Ernte der weißen Samenkapseln Dieselgeräusche vereint mit Sprühnebel. Tränender Boden. Jetzt ist Ernte. Nicht morgen.

Stich – Stich. Indigo. Ist es wohl noch aus der Pflanze hergestellt? Mannshohe Stängel, zum Fermentieren hingebuckelt, gerührt, belüftet, gestampft, die Waden bis hin zu den Kniekehlen blau überzogen, die Hände wund vom Mörsern mit großen Steinen. Was kann sich der blaue Mann wohl von seinem Lohn kaufen?

Stich für Stich. Wer hat wohl den Stoff gewebt? Wer hustet noch von den Bädern, die Garn und Stoff durchlaufen? Wer wohl hat meine Jeans genäht? Können die Kinder mit den großen dunklen Augen wenigstens abends dem Foto ihrer Mutter ein Gute-Nacht-Lächeln geben?

Stich für Stich – endlose Fragen. Endlose Bilder tauchen vor mir auf. Jeder Stich eine Mahnung, achtsam mit meinen Sachen umzugehen. Jeder Stich verknüpft mit so vielen Lebensgeschichten.

Im Flicken, im Zusammenfügen passiert mehr als nur eine reparierte Naht. Im Tun mit Faden und Nadel fügt auch der Kopf zusammen, was manchmal lieber Einzelbild bleiben möchte.

Jeder weiß heute.

Aber wieviele flicken noch?

 

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