Nur ein Mittagessen?

Nur ein Mittagessen?

Wir haben heute lecker gegessen. Schmortopf, Nudeln, Salat.

So einfach?

Im Prinzip ja - und doch ein Geschmackserlebnis, ein Wohlfühlen, einfach lecker, aber auch (für meinen Mann) geheimnisvoll lecker. Was Du wohl wieder für Zutaten genommen hast? - Er kennt mich ja ....

Und als wir fertig waren und genüsslich wohlig satt, und aufgeklärt - meinte er: über dieses Essen könnte man einen ganzen Dokumentarfilm über 45 Minuten drehen. Und der wäre sehr interessant.

Recht hat er.

Schmortopf, Nudeln. Salat.

Ein Essen, heute zubereitet, und doch mit sehr langer Vorbereitung.

Die Filmemacherin könnte so viele Szenen drehen:

Rote Zwiebeln stecken, jäten, ernten, trocknen, aufbewahren.

Holunderbeeren pflücken, abrebbeln, zu Saft einkochen, in Flaschen füllen und beschriften.

Orangene Ebereschenbeeren an einem sonnigen Herbsttag pflücken, schonend trocknen, abrebbeln, mahlen.

Dunkle, fast schwarze getrocknete Aroniabeeren aus dem Paket der Freundin auspacken.

Leuchtend rote Hagebutten pflücken, die Hände zerkratzt, aber mit leuchtenden Augen gesammelt. Die langen Abende, an denen ich die Hagebutten aufschneide, entkerne, sie vorsichtig auf einem Drahtgitter trockne. Einen Teil zu Pulver mahle. Die anderen halbierten Hagebutten im Glas aufbewahre.

Das Lorbeerblatt vom großen Lorbeerstrauch im Wintergarten - auf der Leine im Wohnzimmer getrocknet, denn nur die trockenen Blätter geben den guten Geschmack.

Die Erlaubnis, einen halben Eimer kleine, gelbe Mostbirnen aufzusammeln, vom Nachbarimker einholen. Wieder los radeln, um sie im hohen Gras aufzulesen. Zuhause aufschneiden, entkernen, trocknen auf dem Holzkaminofen. (Über das Holz, das für das Feuer gebraucht wird, will ich jetzt gar nicht erzählen.)

Sie könnte filmen, wie ich in den Lechtaler Bergen herumkraxle, mir die reifen, schwarzen Wacholderbeeren sammle, mit zerstochenen Fingern, aber großer Freude ein kleines Säckchen fülle.

Sie könnte filmen, wie ich die - leider gekauften - Hibiskusblüten zermahle und ein leuchtend pinkrotes Pulver entsteht.

Radeln zum Biobauern, der seine Rinder so hält, wie man es sich wünscht. Geschlachtet wird gleich nebenan, kein Transportweg, Fleisch vom Feinsten.

Sie könnte filmen, wie ich zur Mühle radle, das Mehl kaufe, die Kilometer wieder hoch schnaufe. Wie ich in ein anderes Dorf radle, um ganz frische Eier zu kaufen, von Hühnern, die noch richtiges Futter bekommen.

Sie könnte filmen, wie ich den Nudelteig knete, auswelle, in Streifen schneide, die Streifen im Wohnzimmer zum Trocknen aufhänge, trocken aufbewahre.

Sie könnte filmen, wie ich den Ackersalat im Juli aussäe, im März ernte, putze, wasche.

Die Einkaufstour auf den Wochenmarkt begleiten, auf dem ich leuchtende Orangen kaufe.

Andere Zutaten wie Balsamicoessig, Olivenöl, Salz, Pfeffer, Cayennepfeffer, Roséwein könnte sie in der Vorratshaltung filmen.

Und dann müsste sie nur noch daneben stehen, wie ich aus allem auf magische Weise ein Mittagessen zaubere. Ohne Rezept. Nur mit einer Idee im Kopf, Mut und allen Zutaten.

Schmortopf, Bandnudeln, Salat.

Der Duft, der Geschmack, die Erfahrung, wann wie wo was reif ist, wo was wächst, was wie zusammenpasst, was sich wie im Topf verhält, all das müsste die Zuschauerin erahnen.

Aber vielleicht könnte sie die in allem steckende Liebe, Dankbarkeit, Sorgfalt, Freude und das Glück eines Lebens in und mit der Natur spüren.

Ein - mein - ganzes magisches Leben - vereint in einem einfachen Mittagessen.


 

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